Geleitwort zum Digitalen Gedenkbuch der Stadt Kassel

„Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, heißt es im Talmud, einem der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums.

Das Digitale Gedenkbuch der Stadt Kassel zur Erinnerung an die jüdische Bevölkerung Kassels 1933-1945 soll dazu beitragen, das Andenken der Menschen zu bewahren, die einst in unserer Stadt zuhause waren: Nachbarn, Arbeitskollegen, Schulfreundinnen und Schulfreunde, Sportkameraden, Ärzte, Lehrkräfte, Kaufleute, Arbeiter, Mütter, Väter, Kinder. Es erinnert an die Kasseler Jüdinnen und Juden, die unter dem nationalsozialistischen Terror-Regime verfolgt und ermordet wurden; an Menschen, die sich durch Emigration rechtzeitig retten konnten, die in einem Versteck oder in Haft überlebten.

Dieses Digitale Gedenkbuch gibt uns Verantwortung und Aufgaben auf: Wir dürfen nicht vergessen, was im nationalsozialistischen Deutschland und gerade auch hier in Kassel geschehen ist. Wir dürfen nicht zulassen, dass Geschichte verharmlost oder gar verleugnet wird. Wir sollen aus dieser Geschichte lernen. Dazu ist es wichtig, dass wir nicht nachlassen, uns mit ihr zu beschäftigen. Insbesondere da in Kassel die menschenfeindliche, nationalsozialistische Ideologie stark vertreten war. Die Reichskriegertage und die Novemberpogrome, die – anders als im übrigen Deutschen Reich – bereits am 7. November 1938 stattfanden, sind Beispiele für dieses dunkle Kapitel in der Geschichte der Stadt.

Dabei ist es wichtig, an ehemalige Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt nicht nur als Opfer des Naziregimes zu erinnern, sondern auch daran, dass sie das Leben und den Alltag, die Geschichte und Kultur Kassels mitgestaltet, geprägt und vorangebracht haben. Wie der Rechtsanwalt Dr. Max Plaut, der nach schweren Misshandlungen durch Nazi-Schergen im März 1933 an den Folgen dieser Verletzungen starb. Oder der Kinderarzt Dr. Felix Blumenfeld, der trotz seines segensreichen und nachhaltigen Wirkens für das Gemeinwohl von den Nazis verfolgt und in den Suizid getrieben wurde.

Sara Nussbaum überlebte den Holocaust. Mit ihrer unbeugsamen tapferen Menschlichkeit ist sie uns bis heute ein Vorbild. Aufopferungsvoll kümmerte sich die Rotkreuzschwester um Mithäftlinge im Ghetto Theresienstadt. Trotz des erlittenen Unrechts kehrte sie nach Kriegsende nach Kassel zurück und wünschte sich am Ende ihres Lebens nur eines: „Gesundheit und Frieden für die ganze Welt“. Sara Nussbaum wurde 1956 als erste Frau mit der Ehrenbürgerwürde der Stadt Kassel ausgezeichnet, sie verstarb im selben Jahr und erhielt an der Seite ihres nach schweren Misshandlungen durch die Nazis 1934 verstorbenen Mannes ein Ehrengrab auf dem Jüdischen Friedhof.

Dieses in aufwendiger Recherche- und Forschungsarbeit über viele Jahre erarbeitete Digitale Gedenkbuch bewahrt auch ihre Namen, ist Zeugnis ihrer Leben und Schicksale. Es ist ein wichtiger Beitrag auch zur Bildungs- und Forschungsarbeit und möge es auch sein zur Verständigung und Versöhnung. Dieses Gedenkbuch ist Ausdruck des Respekts gegenüber den Opfern, ihren Angehörigen und Nachkommen. Und es ermahnt uns zu einem respektvollen und wertschätzenden Miteinander, zu Zusammenhalt und friedlichem Umgang sowie dazu, auf bedrohliche Signale zu achten. Denn auch in der jüngeren Geschichte mussten wir durch die Ermordung von Halit Yozgat und Dr. Walter Lübcke leidvoll erfahren, wohin Ausgrenzung, Hass, rechtsextremistischer und völkischer Fanatismus führen können.

Sehr herzlichen Dank allen, die an diesem Gedenkbuch in den vergangenen Jahren mitgearbeitet haben und die es auch weiter tun werden. Dank gebührt auch den zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren, die durch eigene Recherchen und Zuarbeit die Arbeit des Kasseler Stadtarchivs unterstützt haben und unterstützen. Auch dies zeigt, wie ernst es unserer Stadt ist, Erinnerungskultur zu pflegen, lebendig zu halten und weiter zu entwickeln.

Dr. Sven Schoeller
Oberbürgermeister der Stadt Kassel