Überblick über die Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Kassel

Jüdisches Leben in Kassel bis zur Zeit des Nationalsozialismus

Jüdisches Leben in Kassel ist seit dem Ende des 13. Jahrhunderts nachvollziehbar. Die früheste bekannte Erwähnung von in Kassel lebenden Jüdinnen und Juden ist auf das Jahr 1293 datiert. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts lag die Zahl der in Kassel registrierten jüdischen Familien im einstelligen Bereich. Ab dem 19. Jahrhundert und begleitet von den Bestrebungen zur bürgerlichen Gleichstellung jüdischer Menschen stieg die Zahl der jüdischen Bevölkerung in Kassel stetig an und eine kontinuierlich wachsende Jüdische Gemeinde entstand. Waren im Jahr 1823 beispielsweise 900 jüdische Menschen in Kassel registriert worden, so stieg die Zahl in den nächsten 100 Jahren auf 2.750 in Kassel gemeldete Jüdinnen und Juden in der Mitte der 1920er Jahre. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts zogen insbesondere jüdische Personen aus Klein- und Mittelgemeinden aus dem Kasseler Umland zu, nach dem Ersten Weltkrieg suchten zudem jüdische Menschen aus den osteuropäischen Ländern, insbesondere Russland und Polen, hier Zuflucht. So wurde die Jüdische Gemeinde in Kassel mit Blick auf die Kasseler Gesamtbevölkerung Mitte der 1920er Jahre zu einer der größten jüdischen Gemeinden in Deutschland.

Die Größe der Jüdischen Gemeinde Kassels bildete sich unter anderem in den vielen jüdischen Vereinen und Stiftungen sowie anderen Institutionen, die oft der jüdischen Selbsthilfe und Wohlfahrt dienen sollten, ab. So existierten in Kassel unter anderem eine Jüdische Volksschule, ein Jüdisches Lehrerseminar, von 1817 bis 1880 ein Jüdisches Krankenhaus in der Leipziger Straße 152 in Kassel-Bettenhausen, der Israelitische Frauenverein, der Jüdische Turn- und Sportverein „Bar Kochba“, welcher auf dem Sportplatz an der Tapsgasse Fuß- und Handball sowie Leichtathletik anbot, das Israelitische Altersheim in der Mombachstraße 17 und das Israelitische Waisenhaus in der Gießbergstraße 7, das nach Max Spangenthal zwischen 1899 und 1931 bereits über 500 Waisen aus dem gesamten Reich beheimatet hatte.

Auch im architektonischen Sinne bildete sich das stete Anwachsen der Jüdischen Gemeinde Kassels ab. So wurde im Jahr 1839 die prachtvolle Große Synagoge in der Unteren Königsstraße 84 eingeweiht, welche mit 390 Männer- und 340 Frauenplätzen von einer großen Zahl liberaler Jüdinnen und Juden genutzt werden sollte. Viele Kasseler Jüdinnen und Juden hatten sich im Zuge der Assimilation an ihre Umgebung dem liberalen Judentum zugewandt. Im Jahr 1898 wurde außerdem ein Betsaal im Hinterhaus des Jüdischen Schul- und Gemeindegebäudes in der Großen Rosenstraße 22 eingerichtet, um jene Jüdinnen und Juden zu bedienen, die den Gottesdienst nach traditionellem Ritus abhalten wollten. 1927 wurde außerdem in der Unteren Königsstraße eine für 100 Personen ausgelegte Betstube für die aus Osteuropa stammenden Jüdinnen und Juden eingerichtet. Eine weitere jüdische Betstube existierte im Altersheim der Jüdischen Gemeinde. Dem im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts eingerichteten alten Friedhof der Jüdischen Gemeinde im Stadtteil Kassel-Bettenhausen wurde 1932 wegen seiner hohen Auslastung gegenüberliegend der neue Friedhof für die Jüdische Gemeinde zur Seite gestellt, der ebenfalls bis heute existiert.

Stadtarchiv Kassel, 0.002.716, Carl Eberth
Die Große Synagoge in der Unteren Königsstraße in Kassel wurde im Jahr 1839 eingeweiht. Keine hundert Jahre später wurde sie im Dezember 1938 nach dem Novemberpogrom auf Beschluss der Nationalsozialisten abgetragen um Zeugnisse jüdischen Lebens und Wirkens in Kassel aus dem öffentlichen Stadtraum zu entfernen.

In ihrer Vielschichtigkeit gliederten sich die Kasseler Jüdinnen und Juden in die restliche Kasseler Stadtbevölkerung ein. Nebst einem jüdischen Stadtbürgertum, welches von Liberalität und einer zunehmenden Assimilation geprägt war, gab es eine jüdische Mittelschicht in Form von Laden- und Geschäftsbesitzenden, Kleinunternehmenden und Handwerkenden und eine jüdische Unterschicht. Die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde gestalteten die städtische Wirtschaft, Industrie und auch das soziale und kulturelle Leben in Kassel mit. Die jüdischen Gebrüder Gotthelft brachten beispielsweise ab Ende 1853 bis September 1932 einen Vorreiter der modernen Tageszeitung in Kassel, das Gewerbliche Tageblatt und Anzeiger bzw. das Casseler Tageblatt heraus. Und der jüdische Unternehmer Sigmund Aschrott schuf als „Stadtbauer“ ab den 1860er Jahren mit der Planung und Verwirklichung des Stadtteils Hohenzollernviertel den heutigen Vorderen Westen in Kassel.

Doch gab es in Kassel und Umgebung auch vor 1933 einen spürbaren Antisemitismus, antisemitische Vorfälle und Gewaltausübung gegen Jüdinnen und Juden, Boykottversuche sowie Hetzpropaganda. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts existierte in Nordhessen und Kassel ein ausgeprägter Antisemitismus. Dies zeigte sich neben den benannten Herabwürdigungen und Übergriffen auch an Publikationen, wie überregionalen antisemitischen Wochenzeitungen, und an hohen Wahlerfolgen antisemitischer Parteien.


Jüdisches Leben und Verfolgung in Kassel in der Zeit des Nationalsozialismus

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten intensivierte sich der Antisemitismus im gesamten Deutschen Reich und eskalierte zunehmend. Dabei definierten die Nationalsozialisten das Jüdisch-Sein nicht nur über die jüdische Religionszugehörigkeit der einzelnen Person, sondern über eine pseudowissenschaftlich konstruierte vermeintliche Zugehörigkeit zu einer Rasse im Sinne der Abstammung der einzelnen Person. Auch aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft ausgetretene, getaufte und zum Christentum konvertierte oder schlichtweg glaubens- oder religionslose Menschen mit jüdischen Vorfahren wurden dementsprechend von den Nationalsozialisten als Jüdinnen und Juden verfolgt, auch wenn sie nicht jüdischer Konfession waren.

Die Entwicklungen seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten Anfang 1933 waren für jüdische Menschen verheerend. Als einige Eckpfeiler sind hier die Boykottaktionen und ungerechtfertigten Festnahmen und Misshandlungen jüdischer Männer – teilweise mit Todesfolge im Frühjahr 1933, die kontinuierlich anwachsenden Einschränkungen in der Berufsausübung bis hin zu Berufsverboten, die Durchsetzung der sogenannten „Nürnberger Gesetze“ von 1935 (und an diese anschließenden Gesetze, Verordnungen, Erlasse, Anordnungen und Durchführungsbestimmungen), der stetig zunehmende Ausschluss aus dem öffentlichen und gesellschaftlichen Leben, der gewaltsame Novemberpogrom 1938, welcher in Kassel bereits am 7. November 1938 losbrach, die anschließende Festnahme von 258 männlichen Juden in Kassel, die in das Konzentrationslager Buchenwald transportiert wurden und in deren Zuge vier Kasseler Juden ums Leben kamen, und die wirtschaftlichen Repressionen zu nennen. Die Ereignisse zeichneten eine verheerende Eskalationsspirale und führten dazu, dass sich immer mehr jüdische Menschen für die Auswanderung aus dem Deutschen Reich entschieden. Bis Ende 1936 emigrierten nach Dietfried Krause-Vilmar 372 jüdische Menschen aus Kassel. Nach dem Novemberpogrom 1938 wuchsen die Bestrebungen um eine Auswanderung um ein weiteres an, bis am 23. Oktober 1941 ein generelles Ausreiseverbot für Jüdinnen und Juden erlassen wurde. Die letzten jüdischen Auswandernden aus Kassel flohen im Oktober 1941 in südamerikanische Länder und die Dominikanische Republik. Die letzte bekannte Emigration einer jüdischen Person aus Kassel vor der Durchsetzung des Ausreiseverbots betrifft Raphael (gen. Rudolf) Moses (*9.7.1873), welcher mit dem Datum 28. Oktober 1941 von den Kasseler Behörden als nach Buenos Aires, Argentinien verzogen verzeichnet wurde.

Stadtarchiv Kassel, 0.003.016, Carl Eberth
Der 1908 vom jüdischen Kasseler Bürger Sigmund Aschrott (1826-1915) gestiftete Brunnen auf dem Vorplatz des Kasseler Rathauses wurde im April 1939 im Zuge einer antisemitischen Aktion von Nationalsozialisten zerstört und später abgetragen. Zeugnisse jüdischen Lebens und Wirkens in Kassel wurden so aus dem öffentlichen Stadtraum entfernt.

Viele Jüdinnen und Juden wurden durch die nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen sowohl nach als auch aus Kassel vertrieben. Sie flohen aus dem ländlichen Umland und kleineren Städten in größere Städte, wie beispielsweise Kassel, um in derer vermeintlichen Anonymität zeitweilig Schutz zu finden und der Verfolgung an ihren einstigen Wohnorten zu entgehen. Aus Kassel flohen wiederum viele jüdische Menschen aus demselben Grund in andere Großstädte oder, wie zuvor beschrieben, ins Ausland. Mitte Juli 1942 wurden außerdem jüdische Personen aus dem Regierungsbezirk Kassel zwangsweise in die Stadt Kassel umgesiedelt.

Seit 1939 drängten die nationalsozialistischen Behörden die restlichen im Deutschen Reich lebenden Jüdinnen und Juden innerhalb der Städte in ausgewählten und in jüdischem Besitz befindlichen Häusern, sogenannten „Judenhäusern“, zusammen und erzwangen so jüdische Wohngemeinschaften „in Form eines halboffenen Ghettos inmitten der deutschen Großstätte“ (Kropat 1986, 69). So wurden jüdische Menschen von der restlichen Bevölkerung isoliert und zugleich unter deren Aufsicht gestellt. Dies betraf auch die jüdische Bevölkerung Kassels, die zunehmend in solche unfreiwilligen Wohngemeinschaften auf engem Raum und unter einbüßen der Privatsphäre zusammengedrängt wurde. Zu nennen sind hier beispielsweise die Häuser der Kaiserstraße 13 (heute Goethestraße), der Unteren Königsstraße 83, der Schillerstraße 7 und 9, der Tränkepforte ½, der Querallee 21 und der Großen Rosenstraße 22 oder die Barackensiedlungen in der Zentgrafenstraße 5-17 und eine Baracke des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers („Gemeinschaftslager/Lager Wartekuppe“) in der Frankfurter Straße 191. In das Lager auf der Wartekuppe wurden nach der letzten Deportation aus Kassel im September 1942 außerdem jene Menschen, die in sogenannten „nichtprivilegierten Mischehen“ lebten, also jüdische Menschen mit ihren nichtjüdischen Ehepartnern und ggf. den gemeinsamen jüdischen Kindern, eingewiesen, um sie von der restlichen Stadtbevölkerung zu isolieren – dieser Ort wurde später als Haftstätte anerkannt.

Im Zeitraum zwischen Dezember 1941 und September 1942 wurden zwischen 2.270 und 2.301 im Regierungsbezirk Kassel gemeldete Jüdinnen und Juden vom Hauptbahnhof Kassel in die nationalsozialistischen Ghettos und Konzentrations- und Vernichtungslager in von den Nationalsozialisten besetzen Ländern deportiert. Den zu deportierenden Menschen wurde unter anderem erzählt, dass sie im Osten angesiedelt und dort zukünftig Pionierarbeit leisten würden. Als zentrale Sammelstelle in Kassel diente ein großer Turnhallenkomplex der Kasseler Bürgerschulen in der Schillerstraße, in welcher die betroffenen Personen ein bis zwei Tage vor der Deportation zwangsweise untergebracht wurden. Hier wurden durch die Gestapo die Kennkarten und das Gepäck der zu deportierenden Personen kontrolliert – zudem gab es entwürdigende Körperkontrollen. Am jeweiligen Deportationstag wurden die aus zwischen rund 500 bis 1.000 jüdischen Menschen bestehenden Kolonnen über die Schillerstraße, die Orleanstraße (heute Erzbergerstraße) und die Bahnhofstraße (heute Werner-Hilpert-Straße) zum Hauptbahnhof getrieben und dort auf Personenzüge der Reichsbahn verteilt. Mit der Deportation wurde ihr Vermögen von den nationalsozialistischen Finanzämtern zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen sowie verbliebener Besitz wie Hausrat akribisch zu dessen Gunsten verkauft und versteigert.

Am Dienstag, den 9. Dezember 1941 wurden über tausend jüdische Personen aus der Stadt und dem Regierungsbezirk Kassel in das Ghetto Riga im von den Nationalsozialisten besetzten Lettland deportiert. Die Deportation von Kassel in das Ghetto Riga war mit zwischen 1.011 und 1.034 verschleppten Personen die größte Deportation von jüdischen Menschen aus Kassel. 475 der an diesem Datum zu deportierenden Personen lebten zu diesem Zeitpunkt in der Stadt Kassel. Über 900 der Jüdinnen und Juden aus dem Kasseler Transport in das Ghetto Riga wurden Opfer der katastrophalen und gewaltsamen Umstände im Ghetto, im Massaker im Bikernieki-Wald bei Riga erschossen, im Zuge der Auflösung des Ghettos Riga am 2. November 1943 umgebracht oder in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Nur 102 Personen dieses Deportationszuges erlebten die Befreiung und das Ende des nationalsozialistischen Systems, 48 der überlebenden Personen waren vor der Deportation in der Stadt Kassel gemeldet gewesen. Die meisten Überlebenden wanderten aus, in die USA oder nach Palästina/Israel. Nur wenige kamen zurück nach Deutschland und in ihre einstigen Heimatorte.

Am Montag, den 1. Juni 1942 wurden zwischen 507 und 510 Jüdinnen und Juden aus der Stadt und dem Regierungsbezirk Kassel in Konzentrations- und Vernichtungslager im Distrikt Lublin im von den Nationalsozialisten besetzten Polen deportiert, Ziel dieses Deportationszuges waren das Konzentrations- und Vernichtungslager Lublin-Majdanek und das Vernichtungslager Sobibor. 100 der an diesem Datum deportierten Menschen waren zu diesem Zeitpunkt in der Stadt Kassel gemeldet gewesen. In Chemnitz wurde an den aus Kassel kommenden Zug ein weiterer Transport mit rund 500 Personen angeschlossen. Am 3. Juni 1942 machte der Zug in Lublin halt, 98 Männer im Alter zwischen 15 und 50 Jahren wurden hier selektiert und in das Konzentrations- und Vernichtungslager Lublin-Majdanek eingeliefert, nur eine Person aus dem Regierungsbezirk Kassel überlebte die Shoah durch Flucht. Die hunderten im Transport verbliebenen Jüdinnen und Juden wurden in das Vernichtungslager Sobibor deportiert, wo sie unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet wurden. Es gab keine Überlebenden.

Stadtarchiv Kassel, S 3, Nr. 0865
Die jüdische Kasseler Bürgerin Wilhelmine Klebe schrieb am 28. Mai 1942, vier Tage vor ihrer Deportation in das Vernichtungslager Sobibor, eine Karte aus Kassel an Verwandte in den Niederlanden.
Stadtarchiv Kassel, S 3, Nr. 0865
Die jüdische Kasseler Bürgerin Wilhelmine Klebe schrieb am 28. Mai 1942, vier Tage vor ihrer Deportation in das Vernichtungslager Sobibor, eine Karte aus Kassel an Verwandte in den Niederlanden.

Am Montag, den 7. September 1942 wurden zwischen 752 und 757 Jüdinnen und Juden aus der Stadt und dem Regierungsbezirk Kassel in das Ghetto Theresienstadt bei Prag in der von den Nationalsozialisten besetzten Tschechoslowakei deportiert. Betroffen waren nun alle über 65-jährigen Jüdinnen und Juden sowie die bisher ausgenommenen Kriegsausgezeichneten und Kriegsverwundeten mit ihren Familien. Auch hier wurde in Chemnitz ein weiterer Transport angeschlossen. 323 Personen der deportierten Jüdinnen und Juden waren zum Zeitpunkt der Deportation in der Stadt Kassel gemeldet. Das Ghetto wurde vermehrt auch als Durchgangslager für die Vernichtungslager im Osten genutzt, es war bei Ankunft des Kasseler Transports bereits völlig überfüllt, die Häftlinge litten unter den katastrophalen Zuständen vor Ort. Viele Jüdinnen und Juden wurden Opfer der Transporte in die nationalsozialistischen Vernichtungslager, andere starben an den untragbaren Verhältnissen im Ghetto Theresienstadt – dem Hunger, den katastrophalen hygienischen Zuständen, der Vernachlässigung und den Misshandlungen. 63 Personen des Kasseler Transports überlebten die Shoah.

Jüdische Menschen, die in Kassel zeitweise ihren Wohnsitz hatten, aber vor den Deportationen aus Kassel innerhalb des Deutschen Reiches verzogen oder vorerst in später von den Nationalsozialisten besetzten Ländern, wie beispielsweise den Niederlanden, Belgien oder Frankreich Zuflucht fanden, wurden oftmals an diesen Orten festgesetzt und von dort in Sammellager verschleppt und in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten deportiert. Nur wenige schafften es, in den besetzten Ländern in der Illegalität unterzutauchen und so die Shoah zu überleben.

In Kassel verblieben nach den drei großen Deportationen in den Jahren 1941 und 1942 nur wenige jüdische und als jüdisch verfolgte Menschen – dies betraf Personen, die nichtjüdische Ehepartnerinnen oder -partner hatten und Kinder, die nur einen jüdischen oder von den Nationalsozialisten als jüdisch erklärten Eltern- oder Großelternteil hatten. Sie litten schwer unter den Verfolgungsmaßnahmen der Nationalsozialisten, auch wenn sie theoretisch vorerst von den Deportationen ausgenommen waren. Sie waren aus ihren Berufen entlassen worden, oftmals zur Zwangsarbeit verpflichtet, wurden schikaniert und bedroht und hatten Entbehrungen sowie extreme soziale und räumliche Isolation im täglichen Leben zu ertragen. Der Schutz durch die nichtjüdischen Ehepartnerinnen oder -partner währte außerdem nur, wenn die Ehe bestand hatte und nicht durch Scheidung oder Tod beendet wurde.


Jüdisches Leben in Kassel nach der Zeit des Nationalsozialismus

Überlebende der Shoah, die aus den nationalsozialistischen Lagern befreit wurden und in ihre Heimatstädte zurückgekehrt waren, jüdische Menschen, die aus der Emigration zurückkamen und Jüdinnen und Juden, die aufgrund ihrer Ehe mit einer nichtjüdischen Person nicht in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager und Ghettos deportiert worden waren und so die Shoah überlebten und jüdische „Displaced Persons“ (DPs), die nach ihrer Befreiung aus den nationalsozialistischen Lagern in verschiedenen deutschen Städten strandeten, bauten die Jüdischen Gemeinden in Deutschland nach 1945 wieder auf – auch in Kassel. Dabei war die Nachkriegszeit gesellschaftlich mehr von Kontinuitäten sowie Verdrängung als von Aufarbeitung geprägt und der Antisemitismus und nationalsozialistisches Gedankengut durch das Ende des NS-Regimes nicht verschwunden, sondern weiterhin Teil der deutschen Gesellschaft. Wie Dietfried Krause-Vilmar betont, gab es hier keine „Stunde Null“.

Seit den 1980er Jahren fördert die Stadt Kassel, stellenweise in Kooperation mit der Universität Kassel und häufig durch zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure angeregt und unterstützt, verstärkt die Erforschung der Zeit des Nationalsozialismus, richtet Gedenkveranstaltungen aus, arbeitet an der Kommunikation und dem Austausch mit ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürgern, errichtet Gedenktafeln an Orten nationalsozialistischer Verbrechen, fördert Gedenkinitiativen und erforscht und vermittelt die Geschichte des Nationalsozialismus durch eigene Einrichtungen, wie dem Stadtarchiv und dem Stadtmuseum Kassel.

Eine neue Synagoge wurde in Kassel vorerst nicht gebaut, stattdessen musste durch die sich neu bildende Jüdische Gemeinde zunächst auf Betsäle zurückgegriffen werden. Die Große Synagoge war bereits wenige Wochen nach dem Novemberpogrom 1938, obwohl sie von diesem baulich kaum Schaden genommen hatte, abgetragen und von den Nationalsozialisten aus dem Stadtbild eliminiert worden und auch keine/r der alten Betstuben oder -säle überlebte die Zeit des Nationalsozialismus. Im November 1954 eröffnete die Kasseler Jüdische Gemeinde einen Betsaal in der Heubnerstraße 19 in Kassel. Ende 1965 wurde eine kleine Synagoge in unmittelbarer Nähe zum Standort der ehemaligen Großen Synagoge an der Bremer Straße eingeweiht, die durch die im Jahr 2000 neu eingeweihte Synagoge am selben Standort in der Bremer Straße 3 ersetzt wurde.

Zählte die Jüdische Gemeinde im Jahr 1948 vorerst rund 100 Mitglieder, so bewegte sich ihre Größe ab dem Folgejahr bis Mitte der in die 1980er Jahre zwischen 75 und 111 Mitgliedern. Mitte der 1980er Jahre lag die Anzahl an Gemeindemitgliedern der Jüdischen Gemeinde Kassels bei 68 Personen, wobei nicht alle Mitglieder der Kasseler Jüdischen Gemeinde in der Stadt lebten, einige wohnten im Umland. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fanden viele Jüdinnen und Juden in Kassel ein Zuhause. Aktuell hat die Jüdische Gemeinde Kassel 562 Mitglieder (Stand März 2026), sie ist ein tragender Teil der Kasseler Gesellschaft und gestaltet diese aktiv mit.


Quellen und weiterführende Literatur

Kingreen, Monica, Die Deportation der Juden aus Hessen 1940 bis 1945. Selbstzeugnisse, Fotos, Dokumente (=Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen, Bd. 32), Wiesbaden 2023.

Krause-Vilmar, Dietfried, Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus in Kassel. Forschungsbilanz und Erinnerungsarbeit. Ein Essay, in: Flemming, Jens, Krause-Vilmar, Dietfried, Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte, Schüren 2013, S. 583-595.

Krause-Vilmar, Dietfried, Juden in Kassel. Ein Blick in die Vergangenheit der älteren Jüdischen Gemeinde, in: Flemming, Jens, Krause-Vilmar, Dietfried, Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte, Schüren 2013, S. 161-181.

Kropat, Wolf-Arno, Der Weg der jüdischen Gemeinden in Hessen nach 1945, in: Juden in Kassel 1808-1933. Eine Dokumentation anläßlich des 100. Geburtstages von Franz Rosenzweig [Ausstellungskatalog], Kassel 1986, S. 69-74.

Prinz, Wolfgang, Die Judenverfolgung in Kassel, in: Frenz, Wilhelm, Kammler, Jörg, Krause-Vilmar, Dietfried, Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933 – 1945. Band 2: Studien, Fuldabrück 1987, S. 144-222.

Spangenthal, Max, Die religiösen und sozialen Verhältnisse in der jüdischen Gemeinde Kassels vor der Katastrophe, in: Juden in Kassel 1808-1933. Eine Dokumentation anläßlich des 100. Geburtstages von Franz Rosenzweig [Ausstellungskatalog], Kassel 1986, S. 43-48.